Do it again, Wonti!

Gäbe es das Ganze noch, wäre Jürgen Klinsmann in den letzten Monaten sicher ein heißer Kandidat gewesen. Mehrere sorgsam ausgesuchte Deutschlandfans hätten im Studio tränenüberströmt ihre Appelle an den Vorturner der nationalen Elitekicker gerichtet, doch bitte wieder nach Hause zu kommen. Da die Sendung aber schon seit acht Jahren nicht mehr läuft und längst durch noch derbere Formate ersetzt worden ist, müsste man heutzutage wohl schwerere Geschütze auffahren. Anzulehnen wäre sich an jene Anhänger der hiesigen Eleven, die dem Fußball-Bundestrainer beim Länderspiel vergangenen Mittwoch gegen die amerikanische Auswahl ein Ultimatum stellten (Foto). Wontorra, das wäre doch was für Sie. Viel besser als die Champions League!

Dabei hat sich Klinsmann längst entschieden, besser gesagt: Es gab für ihn gar keinen Konflikt. Er lebt in den USA und ist ein Deutscher, der seine Herkunft nie zu leugnen trachtete. Im Grunde spielen sich bizarre Szenen ab: Da darf etwa Franz Beckenbauer im ZDF nonchalant und unwidersprochen dem Kerner stecken, man habe dafür gesorgt, dass keine Transparente ins Stadion kommen, die sich wie auch immer kritisch zum Chefcoach positionieren. Natürlich ist das ein Skandal, weil es selbstverständlich genauso das Recht gibt, zu klatschen, wie man auch pfeifen darf. Darüber hinaus sind solche Maßnahmen ohnehin nur ein Kampf um eine Beseitigung sämtlicher Fraktionen, obwohl auch deren großes Ziel der maximale Erfolg bei der nationalen Pflichtübung Weltmeisterschaft ist und sie lediglich über den Weg dorthin streiten wollen. Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem DFB, der Nationalmannschaft und den Medien hier und dem Fußvolk dort. Dass Klinsmann die falschen Feinde hat und man sich daher bei aller Kritik an den autoritären Sanktionen à la Beckenbauer auch nicht groß ärgern muss, die falsche Kritik am Hauptübungsleiter vorenthalten bekommen zu haben, ändert nichts daran.
Genauso wenig drückt das nach dem USA-Spiel entflammte Scharmützel zwischen Klinsmann und der Presse prinzipielle Differenzen aus; dem Bundestrainer wie den Medien geht es ausschließlich darum, möglichst am 9. Juli den Pokalgewinn feiern zu können. Beide Seiten kennen keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. Die Auseinandersetzungen über den besten und effektivsten Weg, die Reihen mit aller Macht und möglichst lückenlos zu schließen – denn genau darum geht es bei dem Zoff –, sind daher eine reichlich unappetitliche Veranstaltung. Teile der Medien – wie etwa BILD und die Münchner tz – sind dem DFB-Trainer mit unsäglichen Argumenten auf die Pelle gerückt, und der wiederum wehrte sich gleichsam in der rüpelhaften Art eines Kurvenfans, der wahlweise der Polizei oder den Schiedsrichtern zuruft: „Ihr macht unsern Sport kaputt!“ Als Reaktion darauf kriegte Klinsmann heute neuerlich sein Fett weg: „Sonderling“ (Frankfurter Rundschau), „schlechter Verlierer“ (Süddeutsche Zeitung), „Sektierer“ (Berliner Zeitung), „der Selbstgerechte“ (taz).
Man weiß nicht so genau, ob man in diesem Kampf um die größte Ganovenehre irgend jemandes Partei ergreifen soll. Vermutlich ist es besser, sie sich selbst zu überlassen, denn ansprechbar für eine grundlegende Kritik der Nation dürfte niemand von ihnen sein. Die muss man dann halt selbst erledigen, auch wenn einem keiner zuhören mag.