Love me tender

„Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) und der innenpolitische Sprecher der Fraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), wünschen sich von der Bundesregierung diplomatische Signale an Teheran. Man möge dem Regime zu verstehen geben, dass Ahmadinedjad in Deutschland ‚nicht erwünscht ist’ (Bosbach) und von einem Besuch der Fußballweltmeisterschaft ‚Abstand nehmen sollte’ (Uhl).“Phrasen wie „diplomatische Signale“, „nicht erwünscht“ und „Abstand nehmen“ sind dabei immer noch von größter Vorsicht geprägt; das so gerechtfertigte wie notwendige Einfordern eines – gesetzlich möglichen – Einreiseverbots für den iranischen Präsidenten hört man aus diesen Statements jedenfalls nicht heraus. Dennoch markieren sie einen, wenn auch sehr zurückhaltenden, Einspruch gegen das Diktum Schäubles. Der wiederum schafft unterdessen Fakten: Sein Staatssekretär August Hanning (Foto oben) weilte jüngst mehrere Tage in Teheran, um dort Gespräche über die Sicherheit der iranischen Fußballmannschaft während der WM in Deutschland zu führen. Eine mögliche Stippvisite Ahmadinedjads dürfte dabei wohl kaum problematisiert worden sein – ganz im Gegenteil, wie der Tagesspiegel berichtet:
„In [einer] gemeinsamen Erklärung des deutschen und des iranischen Innenministeriums [...] ist von einem ‚kontinuierlichen Informationsaustausch’ die Rede, ‚um die Sicherheit der Spiele zu gewährleisten’.“Wie dieser „Informationsaustausch“ aussieht, beschreibt Hanning – von 1998 bis Ende letzten Jahres Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) – höchstselbst:
„Wenn die Iraner eine Bedrohung befürchten, teilen sie uns ihre Anhaltspunkte mit. Dann fließt unsere Bewertung nach Teheran zurück.“Als Hauptgefahrenquelle für die „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ werden in dem Papier die Volksmudjaheddin genannt, aber das ist in diesem Zusammenhang eher zweitrangig. Denn die Vereinbarung dürfte sich gegen jegliche Oppositionsbestrebungen richten, die von in Deutschland lebenden Exil-Iranern, aber auch von anderen Gegnern des Mullah-Regimes ausgehen. Dass der Staatssekretär die deutsch-iranische Erklärung dahin gehend abschwächt, man werde lediglich seine „Bewertung nach Teheran zurück“ fließen lassen, „wenn die Iraner eine Bedrohung befürchten“ – mithin einen Spielraum suggeriert, den man sich gar nicht vorzubehalten gedenkt –, ist dabei nur Bestandteil des üblichen diplomatischen Prozedere, das von der Jerusalem Post treffend dechiffriert wird:
„Die Deutschen, so scheint es, haben die Sorgen des Iran verstanden, und Hanning versicherte den Iranern, dass Deutschland hinsichtlich möglicher Gefahren uneingeschränkt mit dem islamistischen Regime kooperieren werde.“

„Obwohl Hanning in Teheran keine Zusagen gemacht wurden, gehen deutsche Sicherheitskreise davon aus, dass Iran Klein vorzeitig entlassen wird – im Interesse einer guten Zusammenarbeit deutscher und iranischer Behörden während der WM. ‚Wenn sie mit uns kooperieren wollen, muss die Sache geklärt sein’, heißt es.“Solche Deals sind elementarer Bestandteil deutscher Außenpolitik, die damit den langjährigen Kritischen Dialog – vulgo: das Appeasement – mit islamistischen Staatsführungen und Organisationen fortführt. Demgegenüber bezieht die Jerusalem Post eine Position, die hierzulande ausgesprochen unpopulär und daher umso erwähnenswerter ist:
„Statt die Iraner zu beschwichtigen, sollte vielleicht besser Druck auf Deutschland und die FIFA, den Weltfußballverband, ausgeübt werden, damit der Iran von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen wird, nachdem sein Präsident wiederholt die totale Zerstörung des Staates Israel gefordert sowie den Holocaust geleugnet hat und zudem sein Nuklearprogramm fortsetzt.“Eine wirklich gute Idee, auch wenn das mit dem Druck auf die FIFA zwei Probleme birgt: Zum einen ist man bei dieser bekanntlich der Ansicht, dass Sport und Politik getrennt werden müssten – es sei denn, es bietet sich die Gelegenheit zur Verurteilung Israels. Zum anderen werden in Deutschland bereits Stimmen laut, die den Konflikt zwischen den ausgezeichneten diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den Mullahs einerseits und den diesbezüglich gegebenenfalls kontraproduktiven antisemitischen Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten andererseits dadurch aufzulösen versuchen, dass sie sich schlicht für nicht zuständig erklären und gerne dem Weltfußballverband auferlegen würden, „Ahmadinedjad für die Dauer des Turniers zur unerwünschten Person“ zu erklären. Dann ließe sich anschließend mit höherer Gewalt argumentieren, wenn von den Partnern Klagen kämen, und man wäre aus dem Schneider. Großartig, nicht?

Nur ein Problem gibt es noch, und das betrifft die Adresse des Hotels der saudischen Mannschaft: Die Unterkunft befindet sich am Elvis-Presley-Platz 1. Aber vielleicht beschließt der Stadtrat ja noch rechtzeitig die Benennung nach König Saud bin Abdul-Aziz. Der war 1959 mal vier Wochen in dem Hessenkaff, und dort schwärmt man heute noch von ihm.
Übersetzungen: Liza; Hattips: The Editrix und Spirit of Entebbe