Watzals Groupies

Dabei steht Watzal jedoch nicht allein auf weiter Flur, denn er hat treue Groupies, und die steigen regelmäßig zu seiner Verteidigung in die Bütt – nicht nur auf vergleichsweise unbedeutenden Internetseiten übrigens, sondern auch in Tageszeitungen mit immerhin bundesweiter Verbreitung. Georg Baltissen beispielsweise ging in der taz kürzlich engagiert in die Vollen: „Ludwig Watzal, Redakteur bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und rühriger Kritiker israelischer Besatzungspolitik, sieht sich erneut mit konzertierten Attacken konfrontiert, die ihn des Antisemitismus anklagen und ihn aus seinem Job entfernen wollen“, drückte er in seinem mit „Jagt den Watzal“ überschriebenen Beitrag schwer auf die Tränendrüse. Ein Schuft, wer da kein Mitleid mit dem armen, mutigen Mann empfindet, den herzlose Finsterlinge auf Hartz IV setzen wollen! Wer sind bloß diese gewissenlosen Gestalten, wo kommen sie her, und was tun sie? Na klar, dieses: „Einschlägige proisraelische Websites und ein Artikel in der Jerusalem Post werfen Watzal vor, auf der proamerikanischen Website Lebanonwire eine Buchbesprechung veröffentlicht zu haben, in der er seine Funktion als Redakteur der BpB erwähnt.“
„Einschlägig“ meint so viel wie „notorisch“, und wenn sich dann noch das Adjektiv „proisraelisch“ hinzugesellt, wissen die taz-Leser bereits: Die omnipräsente jüdische Lobby steckt hinter der Angelegenheit. Ihr Verbrechen besteht darin, die Angaben zur Person zitiert und verbreitet zu haben, die sich unter einem stramm antiisraelischen Text von Watzal auf der Website lebanonwire.com finden. Dort steht, ins Deutsche übersetzt: „Ludwig Watzal ist ein Mitarbeiter der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung, der auch Beiträge für die militante linke Internetseite antiimperialista.org verfasst. Zudem ist er einer der vier Redakteure von Aus Politik und Zeitgeschichte.“ An dieser biografischen Notiz stimmt zwar jedes einzelne Wort, aber Watzal ist sie trotzdem peinlich. Schließlich hatte ihn sein Arbeitgeber ja eindringlich darum gebeten, verleugnet zu werden. Zumindest nach dem Ende der täglichen Schicht.
Also setzte Watzal alle Hebel in Bewegung, um die drohenden Unannehmlichkeiten abzuwenden: Er verlangte von den Betreibern von Lebanonwire händeringend die Entfernung des Artikels, der ohne seine Genehmigung von der Website Counterpunch übernommen und veröffentlicht worden sei, und zeterte vernehmlich darüber, Opfer einer „Diffamierungskampagne“ von „antideutschen und neokonservativen Extremisten“ zu sein, die sich „auf Manipulationen und falsche Behauptungen sowie Tricks“ stütze. Schließlich sei unter dem ursprünglich bei Counterpunch erschienenen Artikel lediglich ganz allgemein vermerkt gewesen: „Dr. Ludwig Watzal arbeitet als Redakteur und Journalist in Bonn, Deutschland. Er hat mehrere Bücher zu Israel und Palästina geschrieben.“ Dass Lebanonwire nun nicht nur einfach den Text nachgedruckt, sondern außerdem noch einige weitere – gänzlich unstrittige – Funktionen und Tätigkeiten Watzals hinzugefügt hatte, konnte also nur das Werk Übelwollender gewesen sein. Das heißt: Wer das wahrlich umfängliche publizistische Schaffen des Politologen gebührend würdigt und sich dabei unleugbarer biografischer Angaben bedient, der diffamiert, manipuliert und lügt. Eine bizarre Logik.
Doch der taz-Mann Georg Baltissen scherte sich nicht um solche Absurditäten und fuhr stattdessen fort: „Auch wenn die Jerusalem Post in ihrem Artikel Anfang März etwas vorschnell einen ‚Aufschrei in Deutschland’ wegen Watzals Veröffentlichung ausgemacht haben will, hat sich doch ein Parlamentarier gefunden, der sich dem Anliegen der proisraelischen Lobby nicht verweigert hat.“ Seinen Widerspruch, die wenigen Kritiker Watzals erst zu einer Allmacht aufgebläht zu haben, um dann – leider vollkommen zu Recht – festzustellen, es gebe erstens gar keinen Aufschrei und zweitens nur ein einziges die „proisraelische Lobby“ vertretendes Parlamentsmitglied, kann Baltissen vermutlich selbst nicht erklären. Muss er aber auch gar nicht, denn alles, was in solchen Fällen zählt, ist das Raunen über die angebliche jüdische Macht und ihre sinistren Vertreter.
Noch doller als Baltissen trieb es Knut Mellenthin in der jungen Welt. Mellenthin kümmert sich – in seiner Freizeit, wie Watzal – zwar rührend um die toten Juden und hat dafür sogar Preise eingeheimst; mit den lebenden hat er allerdings so seine Probleme, es sei denn, sie weisen sich explizit als „Israelkritiker“ aus. Und so sieht auch er eine „konzertierte Aktion“ gegen Ludwig Watzal am Werk, eine „muntere Treibjagd rechtszionistischer Kreise“, deren Anführer der Publizist Henryk M. Broder sei. „Watzals Feinde“ jedenfalls, enthüllte der junge Welt-Schreiber, hätten „kurz vor der Israel-Reise von Bundeskanzlerin Angela Merkel“ – also quasi zu einem genau abgepassten Zeitpunkt – einen erneuten Anlauf unternommen, den Politikwissenschaftler um seinen Job bei der Bundeszentrale zu bringen. En detail kaute Mellenthin nach, was Watzal ihm zuvor ausgespuckt hatte, bis hin zu dem Befund, „die unautorisierte Übernahme von Watzals Artikel mit den verfänglich formulierten Angaben zur Person“ sei eine „gezielte Provokation“. Es stelle sich daher die Frage, „ob Broder darauf wirklich nur ganz zufällig beim Stöbern im Internet gestoßen ist“. Schließlich „hat seine Entdeckung ein internationales Echo ausgelöst“ – und Mellenthin erst so richtig in Wallung gebracht:
„Am 2. März berichtete die in Israel erscheinende Jerusalem Post unter der Überschrift ‚Aufschrei über ‚Antisemiten’ in deutscher Regierungsstelle’, am 5. März die in den USA ansässige Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency (JTA). In Deutschland nahm die auf Denunziationen im allgemeinen und auf die Watzal-Jagd im besonderen spezialisierte Website ‚honestly concerned’ das Thema auf. Alle stellten die Veröffentlichung auf lebanonwire.com in den Vordergrund. Geht man den dort plazierten, für den Betroffenen möglicherweise kompromittierenden Angaben zur Person nach, so entdeckt man sie in einem Text wieder, den der US-amerikanische Journalist John Rosenthal am 23. Februar 2006 gegen Watzal veröffentlicht hatte. Die Formulierung, Watzal sei ‚one of the four co-editors of Aus Politik und Zeitgeschichte’, steht wörtlich auch dort. Broder übrigens hatte den Artikel Rosenthals bereits kurz nach dessen Erscheinen auf seiner Website verlinkt.“Ein in Deutschland nicht allen bekannter Amerikaner mit dem verdächtigen Nachnamen Rosenthal, ein in Deutschland allen Bekannter mit Namen Broder, dazu eine israelische Tageszeitung, eine jüdisch-amerikanische Nachrichtenagentur und Honestly Concerned – fertig ist die jüdische Weltverschwörung gegen Ludwig Watzal. Das muss Mellenthin aber nicht wörtlich schreiben, weil es sein Publikum auch so versteht. So sehen sie aus, die Watzal-Groupies, und so geht ihr Schmierenstück von der verfolgten Unschuld, das doch nur der x-te Aufguss der „Protokolle der Weisen von Zion“ ist. Angesichts dessen muss sich Watzal übrigens nicht sorgen, Hungers zu sterben, sollte sich die Bundeszentrale für politische Bildung unerwartet doch von ihm trennen: Bei der taz oder der jungen Welt hat man bestimmt ein Plätzchen für ihn. Dort könnte er außerdem den ganzen Tag lang tun, was er zurzeit nur in seiner, scheint’s, üppigen Freizeit darf.