Fahnenappell

Dabei treiben sie es im Grunde genommen doch noch weit ärger als die drei Jugendgrünen: „Schwarz-rot-geile“ Bild-Leserinnen lassen sich von ihren Lebensgefährten Deutschlandfähnchen auf die Brüste malen, „We are the Champions“ daneben schreiben und anschließend fotografieren, bevor sie das Ganze dann mit dem Kommentar „Mit diesen Bällen gewinnen wir die EM bestimmt!“ an die Redaktion des Balkenblatts schicken. Andere werfen sich nun wieder in ihre schwarz-rot-goldenen Volltrottelkostüme und ziehen in die „Fanmeile“, bevor sie sich spätestens auf dem Rückweg sturzbetrunken auf die deutschen Farben übergeben müssen. Im Unterschied zu denen, die den „Pulleralarm bei den Grünen“ (Spiegel Online) ausgelöst haben, müssen sie aber keine Bestrafung wegen „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“ befürchten; vielmehr dürfen sie wie schon vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft damit rechnen, für ihren „unverkrampften Umgang mit nationalen Symbolen“ ausdrücklich belobigt zu werden.
Denn Auschwitz, das war gestern. Heute ist Deutschlandparty mit allem Drum und Dran – schließlich ist die Vergangenheit längst erfolgreich „bewältigt“. In Zahlen heißt das: Mehr als die Hälfte von Eichmanns Erben findet, Israel verfahre mit den Palästinensern so wie seinerzeit die Nazis mit den Juden, zwei Drittel sehen im jüdischen Staat „die größte Gefahr für den Weltfrieden“, ebenso viele sind der Meinung, Israel führe „einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“, und sogar 82 Prozent wollen das Land im Falle eines Angriffs nicht mit Waffen unterstützen. Warum das (vermeintliche) Pinkeln auf die deutsche Fahne eigentlich schlimmer oder geschmackloser sein soll als das Schwenken derselben, fragt deshalb niemand.
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Update 9. Juni 2008: Apropos Auschwitz war gestern: „Die österreichische Polizei hat am Sonntagabend in Klagenfurt mehr als 140 Personen am Rande der EM-Partie zwischen Deutschland und Polen festgenommen. Dabei handelt es sich um deutsche Hooligans, wie die österreichische Nachrichtenagentur APA berichtete. Zunächst hatte demnach eine rund 60 Mann starke Gruppe vor dem Spiel Deutschland gegen Polen in den Straßen Sprüche gerufen, die an die Nazi-Zeit erinnerten, beispielsweise ‚Alle Polen müssen einen gelben Stern tragen’. Mit Beginn der Begegnung sei eine zweite Gruppe in Erscheinung getreten. Auch diese habe Sprüche skandiert, die an die NS-Zeit erinnerten, meldete APA weiter. So hieß es etwa: ‚Deutsche wehrt euch. Kauft nicht bei Polen!’ Beide Gruppen seien binnen kürzester Zeit von der Polizei eingekreist worden. Die Festgenommenen sollen wegen Landfriedensbruches angezeigt und des Landes verwiesen werden.“