Radio gaga

Mit besonderes großem Befremden – um es zurückhaltend zu formulieren – reagiert man hierzulande, wenn sich Menschen in die Haare geraten, die man zwar gewiss nicht zum inner circle zählt, von denen man jedoch immer angenommen hat, dass „sie“ sich Differenzen eigentlich nicht leisten können dürften, dass „sie“ aus Schaden klug geworden sein müssten oder dass „sie“ aus anderen Gründen eine Gesamtheit zu bilden hätten. Stets suggeriert das „sie“ dabei eine Einheit, die es zwar nie gab, die Deutsche jedoch in ihrem, scheint’s, unverbesserlichen und unnachahmlichen Drang, die Menschheit in Kollektive mit weitgehend uniformen und unabänderlichen Eigenschaften zu sortieren, als gleichsam naturgegeben voraussetzen: „die Ausländer“ gehören dazu – die ungeachtet ihrer sozialen, politischen und geografischen Herkunft als homogene Masse erfasst werden –, und natürlich auch „die Juden“, die man bis zur Explizierung des Gegenteils prinzipiell für alles haftbar macht, was man im einzelnen wie im Ganzen an Israel auszusetzen hat und die man jedenfalls als unverbrüchliche Entität wahrnimmt, als die sie seinerzeit durch die Nürnberger Rassegesetze erst definiert wurden.
Ein anschauliches Beispiel dafür bot just gestern eine Sendung des Deutschlandfunks, die sich mit den Geschehnissen während einer Podiumsdiskussion im Rahmen des XIII. Else-Lasker-Schüler-Forums in Zürich Ende Oktober befasste. Zur Erinnerung: Knapp 200 Antizionisten hatten mit einem Aufruf versucht, die Teilnahme des Publizisten Henryk M. Broder an dieser Veranstaltung mit dem Titel „Die ewige Lust an den Tätern“ zu verhindern, und zu diesem Behufe den Organisator Hajo Jahn zusätzlich mit E-Mails und Anrufen unter Druck gesetzt. Da Jahn standhaft blieb und sich gegen derlei Anmaßung verwahrte, blieb Broders Gegnern nichts anderes übrig, als ein paar Delegierte in die Schweiz zu entsenden, um die Debatte nach Kräften zu stören. Auszüge dieser an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Performance brachte der Sender in einer hörenswerten Form zunächst recht bald, doch dabei durfte es offenbar nicht bleiben, weshalb sich „Kultur heute“ der Causa annahm: „Streit unter Brüdern“ lautete der Titel des Beitrags eines gewissen Kersten Knipp, und die „Brüder“, das waren für ihn „deutsche Juden“, unter denen sich „ein Zwist entwickelt hat“.
Da staunt der Fachmann, und der Wunde laiert sich: Kann, nein: darf es unter Juden, deutschen zumal, nach Auschwitz tatsächlich Streit geben? Sollte nicht vielmehr gemeinsam „über Erinnerungskultur und Nationalsozialismus diskutiert werden“, also über ein Anliegen, das doch, bitteschön, im eigenen Interesse größtmögliche Einigkeit erfordert? Wie auch immer: „Es kam zum Eklat“, weil „deutsche Juden“ sich stritten. Und da ließ der DLF-Kommentator gerne den O-Ton für sich sprechen:
Evelyn Hecht-Galinski: „Mein Name ist Evelyn Hecht-Galinski, ich bin die Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden Heinz …“
Henryk M. Broder: „Ja, und das ist auch schon alles, was Sie sind: die Tochter!“
Georg Kreisler: „Wer sind denn Sie, Herr Broder? Sie sind auch ein Sohn von irgendjemand!“
Evelyn Hecht-Galinski: „Sie sind ein Immigrant, den hier keiner in Deutschland eigentlich haben wollte.“

Dafür, dass Felicia Langer – deren penetranter Antizionismus hier typisch deutsch als „Engagement für die Belange der Palästinenser“ daherkommt – ausgeladen wurde, konnte Broder genauso wenig wie für seine ersatzweise Einladung, doch Evelyn Hecht-Galinski witterte eine Verschwörung: „Frau Langer wurde unter fadenscheinigen, falschen Argumenten ausgeladen und gegen einen bekennenden Islamophoben“ – das ist der schlimmste Vorwurf, den man in Deutschland derzeit erheben kann –, „nämlich Henryk Broder, ausgetauscht.“ Der Deutschlandfunk-Kommentator Kersten Knipp hielt sich gleichwohl genüsslich raus aus der Sache und stellte vordergründig Aussage gegen Aussage – Organisator Jahn widersprach Hecht-Galinski, Broder bezeichnete den Aufruf gegen seine Teilnahme als „psychopathologisches Phänomen“, Hecht-Galinski bezichtigte Broder der „Beleidigungen und persönlichen Diffamierungen“ und unterstellte den Veranstaltern, die „Themen dieser Tagung auf Broder zugeschnitten“ zu haben, Jahn hielt erneut dagegen –, bevor er besorgt anmerkte: „Doch auch das eigentliche Thema, der angemessene Umgang mit der NS-Zeit, sorgte für Streit“ – was bekanntlich nicht sein darf, weshalb sein Resümee lautete: „In Zürich trafen rätselhafte Energien aufeinander und verwandelten eine ernst gemeinte Veranstaltung am Ende zur leidenschaftlich ausgetragenen Posse.“
„Rätselhafte Energien“ sorgten also für eine „leidenschaftlich ausgetragenen Posse“ – man versteht sie nicht recht, diese Juden, die sich noch dann närrisch zanken, wenn es um im Wortsinne todernste Dinge geht, die jedem guten Deutschen die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Dabei müsste es bei jedem von ihnen doch im Grunde genommen so aussehen, wie sich nicht nur der Deutschlandfunk einen „Blick in ein jüdisches Wohnhaus“ vorstellt: friedlich-kitschig, traditionell und irgendwie ein bisschen weltfern. Die Vergangenheitsbewältigung überlässt man deshalb besser den Deutschen. Die streiten wenigstens nicht darüber.
Hattip: barbarashm