Zeichen der Barbarei

Eigentlich ist das, was die Veranstalter der im Mai stattfindenden Internationalen Buchmesse in Turin getan haben, eine schiere Selbstverständlichkeit: Anlässlich des kommenden sechzigsten Geburtstags Israels luden sie Schriftsteller aus dem jüdischen Staat als Ehrengäste ein. Doch es kam, wie es kommen musste: Sofort protestierten Linke gegen diese Ehrerbietung. „Sechs Jahrzehnte Unterdrückung der Palästinenser!“, tönten sie, unterstützt vom Literaturnobelpreisträger des Jahres 1997, Dario Fo (Foto oben, links). Es folgte eine erregte Debatte in Politik und Medien, die zusätzlich dadurch befeuert wurde, dass auch arabische Autoren unter dem Vorsitz des Holocaustleugners Mohammed Salmawi die Einladung der israelischen Schriftsteller als „Provokation gegenüber der arabischen Welt“ bezeichneten und dass Tariq Ramadan (Foto oben, rechts) neuerlich zu einer Fatwa gegen Israel aufrief, weil es „unanständig“ sei, „einen Staat zu feiern, dessen Regierung die Menschenrechte nicht im geringsten respektiert und täglich das palästinensische Volk erniedrigt“.

Zu den von den Neonazis ins Visier genommenen Dozenten gehört auch Donatella Di Cesare (Foto). Sie ist Professorin für Sprachphilosophie an der Sapienza, der größten Universität Europas in Rom; außerdem lehrt sie Jüdische Philosophie am Collegio Rabbinico Italiana der Hebräischen Universität Jerusalem. In einem offenen Brief (3) wendet sie sich nun an die Öffentlichkeit und bittet um deren Unterstützung, beispielsweise in Form von Solidaritätsschreiben an Ihre E-Mail-Adresse; diese wird sie anschließend publizieren. Lizas Welt dokumentiert im Folgenden Di Cesares Appell.
Liebe Freunde, liebe Kollegen, liebe Studenten!
Viele von euch, in Italien und im Ausland, werden schon wissen, dass am 8. Februar 2008 in einem neonazistischen Blog eine Liste von „docenti ebrei“ („jüdischen Dozenten“) veröffentlicht worden ist, die dort als „jüdische Lobby“ bezeichnet werden. Von diesen Dozenten wird behauptet, sie monopolisierten die italienischen Universitäten. Es sind etwa 160 (manche sind nichtjüdisch). Auf Initiative des Innenministers Amato ist das Blog von der italienischen Polizei geschlossen worden. Zugleich hat das Ministerium für die Universität Nebenklage erhoben. Das Gleiche hat auch die Vereinigung der Jüdischen Gemeinden Italiens getan.
Die stigmatisierten Dozenten werden beschuldigt, Juden, Zionisten und Israelfreunde zu sein; außerdem werden sie beschuldigt, in Italien zu leben, aber die Gesetze einer „supranationalen Gemeinschaft“, das heißt Israels, zu befolgen, und deshalb die Jugend zu korrumpieren. Die Liste war von Parolen gesäumt, die zum Boykott Israels, aber auch der „jüdischen Gemeinden Italiens“, aufforderten.
Ich hätte nie gedacht, meinen Namen in einer solchen Liste zu sehen, mehr noch: Ich hätte nie gedacht, je in meinem Leben überhaupt eine solche Liste zu sehen, schon gar nicht in Italien. Einen Augenblick lang dachte ich, ein Stück aus den dreißiger Jahren zu lesen. Aber neben meinem Namen fanden sich auch diejenigen vieler Freunde und Kollegen.
Leider hat sich das politische und kulturelle Klima in Italien schon seit langem verschlechtert. Für diejenigen, die im Ausland leben, ist das kaum vorstellbar. In Italien war all das, was die Kontroverse um die Buchmesse in Turin und um den „Boykott Israels“ dort begleitet hat – nachdem Israel aus Anlass der Staatsgründung vor sechzig Jahren eingeladen worden war –, ein deutliches Zeichen. Ein prominenter Philosoph unterstützt offiziell diesen Boykott. Der neue Antisemitismus kommt von weit her, aber er ist eben neu. Er ernährt sich vom Nahostkonflikt und zieht Gewinn aus der Tragödie zweier Völker. Wer den Boykott gegen Israel unterstützt, muss sich der Wirkungen bewusst sein, die das hat, und sie verantworten.
Der Hass, der einst gegen die Juden gerichtet war, wendet sich heute gegen den Staat Israel, der zum Pariastaat, zum Symbol für alles Böse in der Welt geworden ist. Am Remembrance Day als Opfer erinnert, werden die Juden an dem nächsten Tag zu israelischen „Vollstreckern“ gemacht. Die Anklagen gegen die jüdischen Professoren auf der Neonazi-Website sind sehr eloquent.
Die jüngsten Stellungnahmen der katholischen Kirche, die in keiner Weise den Gedanken und Gefühlen der Katholiken entsprechen, und vor allem die letzten Erklärungen von Papst Benedikt XVI. und seine reaktionären Initiativen (etwa die zur Wiedereinführung des Karfreitagsgebets für die Bekehrung der Juden) fördern den Dialog überhaupt nicht. Im Gegenteil haben sie dazu beigetragen – und tragen sie dazu bei –, ein Klima nutzloser, schädlicher Feindseligkeit und Gegensätzlichkeit zu erzeugen.
Es ist dann auch kein Zufall, dass Universitätsdozenten ins Visier genommen worden sind – vor allem diejenigen, die an der Universität La Sapienza in Rom arbeiten. Die Aggression gegen Intellektuelle ist das erste Zeichen der Barbarei.
Wir bitten um eure und Ihre Solidarität. Ein Wort, eine Geste können wichtig sein. Wir haben es aus der Geschichte gelernt. Ich habe euch und Ihnen diesen Brief geschickt, damit ihr und Sie Freunde und Kollegen informieren könnt.
Donatella Di Cesare
Anmerkungen:
(1) Die Website ist nicht mehr aufzurufen, aber im Speicher von Google wird man noch fündig: http://tinyurl.com/2bb44r
(2) Im Google-Cache: http://tinyurl.com/yufcwy
(3) Eine englische Fassung des offenen Briefes hat Hannes Stein auf der Achse des Guten online gestellt; die italienische Version findet sich unter anderem bei der Federazione lavoratori della conoscenza.
Hattips: barbarashm, Olaf K.