4.1.07

Präventivkonter

Der Schriftsteller Leon de Winter hat in einem Beitrag für den Spiegel* noch einmal deutlich gemacht, was schlechterdings nicht bestritten werden kann: „Die islamischen Länder würden das heutige Israel nie als gleichwertig akzeptieren können“, schrieb er nicht zuletzt an die Adresse derjenigen, die auf das Appeasement gegenüber dem politischen Islam setzen und den jüdischen Staat dabei – sei es gewollt, sei es aus der naiven Annahme heraus, antisemitische Terrorbanden könnten zu etwas anderes fähig sein als zu mörderischem Hass auf Juden in Theorie und Praxis – an diejenigen ausliefern, die ihn lieber heute als morgen von der Landkarte tilgen würden. „Israel ist umgeben von Iran, Syrien, Hizbollah und Hamas, und ihr Sprecher, Präsident Mahmud Ahmadinedjad, drückt klar ihren tiefsten Wunsch aus: Israel zu eliminieren, die Arroganz der Juden zu bestrafen und sie zu einer Minderheit unter islamischer Herrschaft zu degradieren“, fuhr de Winter mit einer Bestandsaufnahme fort, aus der Israel im Grunde genommen nur die Konsequenz ziehen könne, seine Feinde zu vernichten, wenn es überleben wolle. „Aber Israel wäre nicht mehr Israel, wenn es das täte. Es sieht nicht so aus, als ob seine Gegner solche Gewissensbisse hätten. Die Gegner bemühen sich fieberhaft, die Technologie zur Zerstörung Israels zu entwickeln, und eines Tages werden sie angreifen und einen neuen Holocaust auslösen. Den ersten leugnen sie und träumen doch gleichzeitig vom nächsten.“

Demgegenüber seien die „Hiebe der israelischen Armee“ nur „kleine Nadelstiche“, die „von arabischen Propagandisten zu Nazi-Verbrechen hochgeschaukelt“ würden, doch „gemessen an der Unmenge von Opfern interner Konflikte in der arabischen und islamischen Welt, bleibt Israel ein zivilisiertes Land“, das gleichwohl nur überleben könne, wenn es erfolgreich und mächtig ist. Das wiederum schüre aber den Hass seiner Gegner, und diesen Hass müssten die Israelis eigentlich mit derselben Intensität zu empfinden bereit sein, wie es bei den Selbstmordattentätern der Fall ist, befand de Winter. „Aber wenn Juden das lernen und überleben, dann hören sie auf, Juden zu sein“ – das sei das furchtbare Paradox der jüdischen Existenz im Nahen Osten. Der Schriftsteller resümierte schließlich: „Nichts scheint den Juden helfen zu können, außer der Fähigkeit, die in dieser Region über Jahrhunderte zur Gewohnheit gewordene Grausamkeit und Brutalität zu schlucken. Können wir das Rad des Schicksals aufhalten?“

Das ist derzeit vor allem eine Hoffnung. Obwohl im Gazastreifen die Hamas und die Fatah zwischen Bürgerkrieg und Einheitsregierung changieren und derzeit wieder die zuerst genannte Option beanspruchen, obwohl nicht wenige Palästinenser über den Tod des von ihnen verehrten Saddam Hussein trauern und obwohl seit dem Inkrafttreten des so genannten Waffenstillstands am 25. November letzten Jahres mehr als 60 Raketen aus palästinensischem Gebiet auf israelisches gefeuert wurden, hat Israel sich Zurückhaltung auferlegt und bislang auf kein einziges Geschoss reagiert – welcher andere Staat dieser Welt würde solche Angriffe dulden und darüber hinaus noch einen Gefangenenaustausch in Erwägung ziehen, der nicht nur zahlenmäßig zu seinen Ungunsten ausfallen würde?

Da das alles aber ganz sicher keine Dauerlösung ist und irgendwann wirksame Gegenmaßnahmen erfordert, hat die israelische Botschaft in Berlin – damit es hinterher in Politik und Medien nicht wieder heißt, man habe von nichts gewusst – in acht Punkten festgehalten, wie sich die Situation im jüdischen Staat derzeit darstellt, warum er momentan keine Aktivitäten gegen den palästinensischen Terror unternimmt und wann dies dennoch unvermeidlich werden könnte. Um präventiv den immergleichen Reflex der Judenfeinde jeglicher Couleur zu kontern – die ihrem Objekt des Hasses für den Fall, dass es sich auch militärisch verteidigt, wieder alle Schuld geben werden –, heißt es in dem Dokument abschließend: „Falls und sobald der Moment kommt, in dem Israel zu einer Reaktion gezwungen ist, könnten wir uns in einer Situation wiederfinden, in der Israel als Angreifer dargestellt wird, da kaum einer von den andauernden palästinensischen Angriffen gehört hat.“ Um das wenigstens ein bisschen zu erschweren, soll das Papier an dieser Stelle vollständig dokumentiert werden.


Es gibt keine Feuerpause, nur israelische Zurückhaltung
  1. Seit Beginn der Feuerpause zwischen Israel und den Palästinensern im Gazastreifen (25.11.2006) wurden mehr als 60 Kassam-Raketen auf israelisches Staatsgebiet abgefeuert (allein am 20.12.2006 waren es neun Raketen).
  2. De facto gibt es gar keine Feuerpause, sondern israelische Zurückhaltung gegenüber dem andauernden Beschuss der israelischen Städte Ashkelon, Sderot und die kleineren Orte im Gebiet der westlichen Negev-Wüste.
  3. Auch wenn durch die meisten Raketen keine Menschen zu Schaden kommen und nur begrenzter Sachschaden entsteht, würde kein Land der Welt solche Angriffe dulden, die sich gegen sein Territorium und seine Staatsbürger richten.
  4. Israel hält sich zurück, da es dem Frieden eine Chance geben will. Israel ist bereit, der Palästinensischen Autonomiebehörde und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas eine Chance zu geben, der Situation Herr zu werden. Israel will keine Eskalation, doch auf die Hoffnung, dass es keine größeren Opfer geben wird, ist auf Dauer kein Verlass.
  5. Der Ministerpräsident erinnerte unmissverständlich daran, dass Israel seit Beginn der Feuerpause nicht ein einziges Mal auf die Raketen reagiert hat, aber Israel kann sich mit dem Raketenbeschuss nicht auf Dauer abfinden.
  6. Die Verantwortung für die Angriffe übernahmen verschiedene palästinensische Organisationen, wie zum Beispiel der Islamische Jihad. Israel betrachtet die Palästinensische Autonomiebehörde und deren Führung als für den Beschuss verantwortlich und fordert von der palästinensischen Regierung und ihren Sicherheitsbehörden, allen Angriffen ein Ende zu setzen.
  7. In der derzeitigen Situation findet das Thema wegen der Ungenauigkeit der Raketen kaum Echo in den internationalen Medien und kommt auch in der öffentlichen Meinung wenig zum Ausdruck. Manche Entscheidungsträger neigen dazu, mit Nachsicht an das Thema heranzugehen.
  8. Falls und sobald der Moment kommt, in dem Israel zu einer Reaktion gezwungen ist, könnten wir uns in einer Situation wiederfinden, in der Israel als Angreifer dargestellt wird, da kaum einer von den andauernden palästinensischen Angriffen gehört hat.
Botschaft des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin, 3. Januar 2007

* Heft 1/2007 (online nur gegen Bezahlung abrufbar) – Fotos: Oben: Überreste einiger Kassam-Raketen, die von palästinensischen Terroristen auf Israel abgeschossen wurden, aufbewahrt in einer Polizeistation in Sderot, 26. Dezember 2006. Unten: Cartoon von Boris Dikerman in Yedioth Ahronoth: „Eine andere Art von Regen in Sderot. Zynische Einwohner sind sich einig: ‚Sie haben Regen versprochen.“Hattip: barbarashm