Angekumpelt

Doch diese vier deutschen Wochen sind nun vorüber, und nicht wenige kämpfen jetzt offenbar mit Entzugserscheinungen. „Ich glaube, was da wachgerufen wurde an Gefühlen – und auch an Bildern im Übrigen –, hat sich ins kollektive Bewusstsein gesenkt und abgelagert und wird bleiben, wird als abrufbare Erinnerung bleiben“, hat der Matussek fast flehentlich die Vergänglichkeit um ihren Job bringen wollen und sozusagen an die niederen Instinkte seiner Landsmänner und -frauen appelliert: „Es scheint auf einer atavistischen tiefen Ebene in jedem von uns das Gefühl der Zugehörigkeit zu den eigenen Leuten zu geben.“ Doch was tun, wenn gerade kein Massenevent ansteht, bei dem man seinen Atavismus mit sich selbst und Seinesgleichen feiern kann? Die BILD-Zeitung weiß, wie fast immer, Rat (Foto): Weg mit dem „Sie“ – was in Großbritannien und den USA möglich ist – wie inzwischen selbst Helmut „You can say you to me“ Kohl weiß –, wird hier doch wohl auch gehen, oder?
Nein! Bzw. no way! Da schwingt man sich zur Abwechslung doch glatt mal zur Verteidigung von etwas Deutschem auf, nämlich der Möglichkeit, sich unerwünschter Ankumpelei zumindest sprachlich erwehren zu können, indem man auf die groß geschriebene Anrede mit den drei Buchstaben besteht. Nein, „wir“ wollen „uns“ nicht alle duzen, auch und gerade nach der Weltmeisterschaft nicht. Nicht die geschätzten 95 Prozent Deutschlandgutfinder, von denen zwei Drittel auch noch die Israelis für die Nazis von heute halten und ihre Partymiene ganz arg verfinstern, wenn man sie auf die Shoa anspricht. Nix „Schicksalsgemeinschaft“, nix „Wir sind ein Volk“ und nix „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid“. Sondern schön den Abstand wahren. Auch wenn der Rest quengelt.