Der Querfrontkopf

Querfrontbestrebungen formeller wie informeller Art erfreuen sich bis heute ungebrochener Beliebtheit. Gehe es nun um die Proteste gegen den Irak-Krieg oder Hartz IV, gegen Globalisierung oder Israel – nicht selten marschieren Neonazis Seit’ an Seit’ mit Friedensbewegten, Ökopaxen und Linksradikalen; die Distanzierungsversuche letzterer fallen in der Regel vor allem deshalb so dürftig aus, weil es schlicht an Argumenten für eine Abgrenzung fehlt, wo Kongruenzen und Überschneidungen allzu offensichtlich sind. Und diese Schnittmenge ist – vor allem nach der so genannten zweiten Intifada und Nine-Eleven – noch größer geworden, seit Teile der Linken wie der Rechten den Islam für sich entdeckt oder doch zumindest festgestellt haben, dass der Feind ein gemeinsamer ist.
Ein täglich erscheinendes Organ hat diese neue Querfront auch, und das schon länger: Es ist die junge Welt mit ihren Pirkers, Rupps und Göbels – und seit vier Jahren auch wieder mit einem besonderen Aushängeschild: Jürgen Elsässer. Früher mal beim Kommunistischen Bund (KB) und deren Zeitung Arbeiterkampf aktiv, war er in der Folge zunächst bis Juni 1997 leitender Redakteur bei der vormaligen FDJ-Zeitung, betrieb nach deren Spaltung eine Weile die Wochenzeitung Jungle World mit und wurde im April 1999 Redakteur der Monatszeitschrift konkret, bevor ihn deren Herausgeber Hermann L. Gremliza im Dezember 2002 vor die Tür setzte, als es Elsässer – der zu seinen besseren Zeiten durchaus wusste, was Antisemitismus ist und welche Absichten sich in der „Israel-Kritik“ manifestieren – nach den Massen dürstete und er wieder auf den Antiimperialismus kam. Seitdem schreibt er – was allemal konsequent ist – wieder für die Nationalbolschewiken und ist darüber hinaus bei der Linksfraktion im Bundestag untergekommen, erst als Mitarbeiter des Abgeordneten Wolfgang Neskovic und nun als Autor des Fraktionsmagazins Clara. Zudem berät er die Fraktion in Sachen BND-Untersuchungsausschuss.
Elsässer intensiviert schon seit einiger Zeit seine Querfront-Aktivitäten. Ende 2002 beispielsweise erschien sein Buch „Kriegsverbrechen – Die tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt“ in französischer Sprache, und zwar bei L’Harmattan in Paris, einem Verlag, der sich nicht zuletzt der Verbreitung der Schriften von Holocaustleugnern, Israelfeinden und Judenhassern verpflichtet fühlt. Im Februar dieses Jahres dann stellte Elsässer dem Film „Tal der Wölfe“ einen Persilschein aus und mochte in ihm partout keinen Antisemitismus erkennen, obwohl der Streifen vor antijüdischen Klischees nur so strotzt und Elsässers Dementi dementsprechend unversehens zur Bestätigung geriet: „Es gibt im Film zwar einen jüdischen Arzt, der Gefangenen Organe entnimmt und weiterverkauft. Doch er versucht, die Killer an einigen Stellen zu bremsen. Im Vergleich zu ihnen ist er eine eher harmlose Figur – nicht, wie im Klischee, der Drahtzieher, sondern eher der kleine Profiteur der US-Aggression. Wer wollte bestreiten, dass das eine recht zutreffende Allegorie des Verhältnisses zwischen den Regierungen in Jerusalem und in Washington ist?“
An der neuen slowakischen Regierung – eine Koalition aus Sozialdemokraten und Rechtsextremisten – kann der Journalist und Buchautor ebenfalls nichts Schlechtes finden. Und im Juli erschien ein dreiseitiges Interview mit ihm im französischen Hochglanzmagazin Choc du mois (Schock des Monats) – einer rechtsradikalen, verschwörungstheoretischen und antisemitischen Publikation, die in derselben Ausgabe auch gleich eine Unterhaltung mit Jean-Marie Le Pen druckte. Elsässer verteidigte sich damit, die Zeitschrift habe sich das Gespräch „erschlichen“: „Hätte ich gewusst, dass es sich um ein rechtsradikales Blatt handelt, hätte ich das Interview nicht gegeben.“ Er sei „ein freischaffender Publizist, der im Ausland aufs Glatteis geführt wurde“, und jammerte: „Will man mir das vorwerfen?“ Ja, meint Ivo Bozic – denn „die Parameter für eine Bewertung der Zeitung als Nazi-Blatt fehlen“: „Da es sich beim Herausgeber und Chefredakteur um ausgemachte Faschisten handelt, sollte Elsässer vielleicht eher darüber nachdenken, wieso die inhaltliche Schnittmenge zwischen ihm und denen so enorm ist, als darüber, wie es passieren konnte, dass man ihn austrickste.“

Als Elsässer in seinem Hausblatt junge Welt dann noch gegen „Multikulti, Gendermainstreaming und die schwule Subkultur“ zu Felde zog, erschraken selbst in der Linkspartei einige über ihren Mitstreiter. „Was empfiehlt Elsässer letztlich? Klassenkampf für Hetero-Deutsche. Ich finde: Das ist nicht links, das ist originär rechts. Eine Partei, wie sie nach meiner Lesart Elsässer vorschwebt, gibt es schon. Sie heißt NPD“, befand die Abgeordnete und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau – und wurde daraufhin von Elsässer mit den Worten „Was für ein geschichtsvergessener Quatsch!“ angekoffert. Sein junge Welt-Kollege Markus Bernhardt sekundierte: Hier hätten „Heckenschützen“ des publizistischen Feindes „erneut das Feuer“ eröffnet; die Parteidisziplin stehe gleichwohl nicht zur Disposition, denn in der Linksfraktion sei es „Konsens“, der „antiislamischen Stimmungsmache“ entgegenzutreten und „für den Dialog mit dem Iran“ zu plädieren.
Schließlich plant der imperialistische Feind einen Weltkrieg, wie Elsässer in einem Interview bei Voltairenet zu berichten wusste. Dabei war seine Gesprächspartnerin eine höchst bemerkenswerte Person – Silvia Cattori ist eine in der Schweiz und Frankreich lebende Journalistin, die dem Muslim Markt kürzlich einmal richtig ihr Herz ausschüttete: Israel sei ein „Apartheidregime“ und der „schlimmste Feind des Friedens“; Israelis sind für sie „Menschen jüdischer Konfession, die aus aller Welt gekommen sind, die Palästinenser aus ihrem Heimatland vertreiben und sie durch Terrorhandlungen dazu gebracht haben, zu fliehen“, und Antisemitismus „ist eine bewusste Irreführung“. Gute Voraussetzungen also für einen entspannten Plausch mit dem deutschen Kollegen, der ihr auch gleich mal erzählte, dass nach 9/11 israelische Agenten festgenommen worden seien, weil diese die USA womöglich mit ihren Kenntnissen über die Vorbereitung der Terroranschläge durch amerikanische Geheimdienste erpressen wollten. George W. Bush sei dumm und nur ein Werkzeug in den Händen von Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz und Pearle, die ausschließlich Militär- und Ölinteressen verfolgten und den Präsidenten am 11. September 2001 eigentlich umbringen lassen wollten. Bei der „Propaganda gegen den Iran“ werde auf die „‚jüdische’ Karte“ gesetzt, also eine Bedrohung Israels bloß erfunden; proisraelische Kräfte dominierten dabei die Medien, beispielsweise in Frankreich, und jüdische Journalisten, die für den Krieg gegen Jugoslawien waren, hätten in Deutschland leichter Zugang zu den Fernsehstudios erhalten als Kriegsgegner, weil man ihre „Stimmen für geostrategische Zwecke“ gebraucht habe. Die Neocons sind für Elsässer die neuen Nazis und bereiteten gerade den dritten Weltkrieg „gegen alle Araber und alle Moslems“ vor, „genau wie Hitler, der alle Juden töten und alle Länder angreifen wollte“. Wenn sie nicht gestoppt würden, werde es den Amerikanern ergehen wie den Deutschen in Stalingrad.
Von Cattori danach gefragt, was er von den Nine-Eleven-Theorien eines Andreas von Bülow und eines Thierry Meyssan halte, stimmte Elsässer den beiden Verschwörungstheoretikern zu und bezeichnete ihre Recherchen als „sehr nützlich, um die Wirklichkeit der Fakten fortzusetzen und zu vertiefen“. Auch hier hatte er also keine Probleme, sich einem ausgewiesenen Rechtsextremisten anzuschließen: Über Meyssan schreibt die Publizistin Gudrun Eussner, „dass er seinerzeit mit üppigen Honoraren des von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanzierten Zayed-Zentrums der Liga der arabischen Staaten, mit Sitz in Abu Dhabi, durch die arabischen Scheichtümer und durch Saudi-Arabien zieht, um zu verkünden, dass kein Flugzeug ins Pentagon geflogen ist. [...] Der in 28 Sprachen übersetzte, in mehr als 50 Ländern erhältliche Bestseller über den 11. September 2001 ‚L’Effroyable imposture’ wird in deutscher Übersetzung unter dem Titel ‚Der inszenierte Terrorismus, Auftakt zum Weltenbrand?’ [veröffentlicht], herausgegeben vom Verlag ‚Editio De Facto’ des Rechtsextremen Pierre Krebs vom ‚Thule-Seminar’“. Meyssan unterhält zudem gute Kontakte zur Hizbollah und anderen islamistischen Terrorgruppen.

Das klingt nicht nur nach einem Querfront-Potpourri aus Niekisch und Eichberg, das wird es auch sein. Oskar Lafontaine und Norman Paech brauchen sich jedenfalls keine Gedanken über ein Gastgeschenk zu machen, wenn sie nächstes Jahr zu Mahmud Ahmadinedjad in den Iran reisen. Nur ins Persische müsste das Buch vielleicht noch übersetzt werden. Aber da findet sich gewiss jemand – bei den Beziehungen.