Külbels Fata Morgana

Und natürlich für alles, was den Heimatverbundenen und Autochthonen des islamischen Nahen Ostens tagtäglich widerfährt. Ein Stachel im Fleische der arabischen Welt sei Israel, wissen die Antisemiten jeglicher Couleur, und nur dessen Entfernung könne den kranken (Volks-) Körper der Eingeborenen wieder gesunden lassen. Zu diesem Heilungsprozess tragen folglich Selbstmordattentate genauso bei wie Katjuschas und Kassams; als Ausdruck der Verzweiflung entwürdigter und erniedrigter Subjekte gelten sie den Verständnisinnigen, als allemal verständliche Reaktion auf eine Fremdbestimmung, der man sich selbst rund um die Uhr ausgesetzt sieht, weshalb die todessehnsüchtige und vernichtungswütige Entschlossenheit der antiimperialistischen Vorposten namens Hamas oder Hizbollah nicht selten mehr als nur klammheimliche Sympathie beanspruchen kann: Sind sie nicht ehrliche und tatkräftige Vollstrecker des Volkswillens, also in gewisser Weise das, was man sich unter echter Demokratie vorstellt?
Was könnte, folgte man derlei Auffassungen, nach dem Wahlsieg der Hamas also Besseres passieren als die Übernahme der Macht im Libanon durch die Hizbollah? Einer, der dem gewiss nicht widersprechen würde, ist der Jürgen Cain Külbel – richtig, der Kommunist, Kriminalist und Karatekämpfer, der es auch schon mal recht ungezielt krachen lässt, wenn ihm einer krumm kommt. Seit er in den 1990er Jahren „das seltene Glück“ hatte, das arabische Landleben kennen zu lernen und seiner Tochter sowohl den Viehaustrieb als auch fellachische Liebeslieder zu ermöglichen, lässt ihn der Nahe Osten „überhaupt nicht mehr los“, wie er dem Muslim Markt freimütig gestand. Also arbeitet er weiter fleißig an einer Welt ohne die „Regierungsclique in Jerusalem, die auf ihrem Staatsterritorium in Geheimgefängnisse verschleppte In- und Ausländer foltern lässt und suspekte Menschen gezielt und ‚vorbeugend’ eliminiert“, und ohne die „Barbaren im Weißen Haus“, die „kriminellen Amerikaner“ also samt ihrer „schwachköpfigen Weltrettungsorgien“.

Für Külbel jedoch schied diese Möglichkeit a priori aus, wie er auch die wahren Schuldigen für das Attentat auf Rafiq Hariri zu kennen glaubt: „Viele Spuren in dem Mordfall führen in ein absonderliches Konglomerat, das Zugang zu den Zentren der Macht in Washington und Jerusalem hat, aus militanten, rechtsradikalen, neokonservativen und oder dem Mammon verpflichteten US-amerikanischen und israelischen Gruppierungen besteht und eng liiert ist mit einem Konsortium antisyrischer Exillibanesen mit engen Verbindungen zur libanesischen Opposition.“ Eine veritable amerikanisch-zionistische Verschwörung zum Nachteil Syriens also, der Külbel gleich ein ganzes Buch widmete. Man wird ja schließlich noch fragen dürfen, ob nicht „der Mossad Drahtzieher des Mordes an Hariri sein könnte“, um „Syrien an den Schandpfahl [zu] pflocken“. Beweise hat Cain the Brain natürlich nicht, nur die bei Konspirationstheoretikern obligatorische Mischung aus ideologischem Gewäsch und zusammengereimten Scheinindizien, die nahe legen sollen, dass hier von den üblichen Verdächtigen eine ganz große Schweinerei ins Werk gesetzt wurde. Quod erat demonstrandum.
Es war so sicher wie das Allahu akbar! in der Moschee, dass Külbel auch nach dem tödlichen Attentat auf Gemayel rasch wusste, wer die Draht-, um nicht zu sagen Strippenzieher waren. Im Ostblatt Neues Deutschland stellte er die Hizbollah zu diesem Zweck zunächst als ganz normale Oppositionspartei dar, die mit Rücktritten und „friedlichen Massendemonstrationen“ bloß ein bisschen Druck gegen die angeblich zu proamerikanische Regierung macht, während Syrien automatisch aus dem Schneider war, weil es die Verantwortung für den Mord von sich wies. Dafür geriet der „mit der Regierungskoalition verbandelte Politiker Samir Geagea“ in Külbels Visier, weil der angeblich „hinter den Mordanschlägen gegen den früheren Ministerpräsidenten Omar Karamé und weitere politische Konkurrenten aus dem christlichen Lager stecken und enge Beziehungen zum israelischen Geheimdienst Mossad unterhalten“ soll und zudem gewarnt habe, „dass demnächst drei Minister ermordet werden würden“ – honni soit qui mal y pense. Darüber hinaus möge man doch überprüfen, ob nicht die US-Botschaft in Beirut etwas mit den Waffen zu tun haben könnte, mit denen auf Gemayel geschossen wurde.

„Fata morgana democratica“ nennt Külbel das imaginäre „waffenstarrende Schlachtschiff“, auf dem er diese Konspiration aushecken lässt; es sei „klein wie eine Nussschale zwar und marode, aber auffallend durch seine Besatzung, genannt der ‚Schwarze Orden’“, zu dem das fiktive Protokoll gehört und der „dafür bekannt ist, ganz bestimmte Verderben zu bringen, diesmal aber betrunken ist und grölt, weil ihn das Fatum der Endzeitstimmung erfasst hat“. Der Kahn schwimmt auf einem „Meer von Blut, in dem getötete Kinderleiber wie Fische schwimmen, abgetrennte Köpfe, zerfetzte Gliedmaßen die Bewohner sind und Haare, Haut und Knochen eine bizarre Pflanzenwelt formen“.
Die paranoiden Allmachts- und Vernichtungsfantasien, die der Hizbollah-Freund hier anderen unterstellt, sind seine eigenen; nach der Verschwörung, die er behauptet, strebt er selbst, und in der faschistischen Ästhetik, die das „Tagebuch“ durchzieht, drücken sich Affirmation und Bewunderung aus. „Anstatt der Stimme des Gewissens hört es Stimmen; anstatt in sich zu gehen, um das Protokoll der eigenen Machtgier aufzunehmen, schreibt es die Protokolle der Weisen von Zion den andern zu“, notierte Theodor W. Adorno in den „Elementen des Antisemitismus“ zur pathischen Projektion des Subjekts, und auf Külbel passen diese Worte wie maßgeschneidert. Immerhin scheinen seine Publikationsmöglichkeiten zumindest im deutschsprachigen Raum recht begrenzt zu sein – doch auch das gehört ja zum Repertoire der Konspirationstheoretiker: sich als wissende Minderheit zu fühlen, deren unumstößliche Wahrheiten von den Mächtigen dieser Welt unterdrückt werden. Dabei macht Külbel bloß ein bisschen zu viel Radau; seine Ansicht jedoch, dass der Erdball von Juden und Amerikanern beherrscht wird, trifft bei mehr Menschen auf Zustimmung, als er selbst es glaubt.