Freedom of Speech

Was tut man da als britische National Union of Journalists (NUJ) – die nach eigener Einschätzung „zu den größten und etabliertesten Journalistenvereinigungen der Welt mit 35.000 Mitgliedern“ zählt und soeben ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hat –, wenn ein Kollege einfach so von der Bildfläche verschwindet? Logisch: Man protestiert. Aber nicht gegen die Zustände im Gazastreifen und den anderen palästinensischen Regionen, die dazu führen, dass Presseleute als Geiseln genommen werden. Nicht gegen Selbstmordattentate und Raketenangriffe. Und nicht gegen die Palästinensische Autonomiebehörde, die Teil des Problems und nicht Teil der Lösung ist. Sondern – mit heiligem Ernst – gegen Israel: Auf ihrer Jahreshauptversammlung in Birmingham, die am vergangenen Wochenende stattfand, verabschiedete die NUJ zwei Anträge, mit denen der jüdische Staat „für seinen grausamen, geplanten Angriff auf den Libanon“ und „das Schlachten von palästinensischen Zivilisten durch seine Truppen“ verurteilt sowie der Boykott seiner Waren gefordert wurde – „angeführt von den Gewerkschaften und dem Trades Union Congress (TUC), um Sanktionen gegen Israel herbeizuführen, die von der britischen Regierung und den Vereinten Nationen getragen werden“. Man müsse handeln wie „beim Kampf gegen das Südafrika der Apartheid“.
Nicht nur die britische Autorin und Kolumnistin Melanie Phillips rang anschließend um Fassung: „Es ist schon bemerkenswert, wenn sich eine Körperschaft von Journalisten nicht dazu entschließt, Strafmaßnahmen als Ausdruck des Protests gegen die Entführung und mögliche Ermordung eines der Ihren zu ergreifen – weil dieser der Gefangene von Terroristen ist, die von der Vereinigung aus ideologischen Gründen unterstützt werden –, sondern stattdessen Sanktionen gegen die Nation beschließt, die das erste und ständige Opfer dieser Terroristen ist, aber von der Journalistenorganisation diffamiert wird, bloß weil es sich verteidigt.“ Auch Toby Harnden, Korrespondent des Daily Telegraph in Washington und NUJ-Mitglied, war außer sich: „Eine Vereinigung, die für bessere Bezahlung und bessere Bedingungen kämpft, ist das eine. Aber warum sollten meine Beiträge für ein antiisraelisches Gehabe verwendet werden, an dem ich wie viele andere Mitglieder nicht teilhaben will?“ Die Anträge seien „tendenziöse und politisch aufgeladene Propaganda, die eine Zeitung mit Anspruch auf Fairness sofort aus jedwedem Artikel streichen würde“, gleichwohl jedoch symptomatisch für „die kindische Fixierung auf modisch-linke Sachen“: Auch eine Verurteilung der USA wegen Guantánamo und eine Entschließung, die die venezolanische Regierung und ihren Präsidenten feiert, durften auf der Tagesordnung der NUJ nicht fehlen.

Wie man selbst diesen haarsträubenden Unsinn noch toppen kann, demonstriert der frühere BBC- und ITN-Korrespondent Alan Hart auf seinem Weblog „für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden“: Er macht gleich und ohne viel Federlesens Israel für die Entführung verantwortlich; schließlich sei der jüdische Staat „die Partei, die am meisten davon hat, dass Alan Johnson dauerhaft verschwindet. Es wäre nicht das erste Mal, dass israelische Agenten sich als Araber verkleiden, um einen Volltreffer zu landen“. Die Welt als Wille und Vorstellung. Aber das ist nichts Ungewöhnliches für einen, der in einem zweibändigen Werk den Zionismus als „wahren Feind der Juden“ vorstellt. Und zudem, bei Lichte betrachtet, die zwingende Konsequenz aus den Verlautbarungen der NUJ, die sich zweifellos als Ausdruck und Verteidigung der Freedom of Speech verstehen und diese Freiheit dabei zum Recht degradieren, ungestraft das blanke Ressentiment pflegen zu dürfen.
Großbritannien erweist sich immer mehr als eine der treibenden Kräfte beim Schulterschluss mit denen, die Israel nichts als Tod und Verderben wünschen. Der antisemitische Boykottaufruf der Journalisten ist nicht der erste seiner Art; vor knapp einem Jahr hatte bereits die Hochschullehrervereinigung Natfhe einen Antrag angenommen, in dem der jüdische Staat der Apartheid bezichtigt und Konsequenzen eingefordert wurden: „Die Konferenz [der Natfhe] lädt die Mitglieder ein, bei Kontakten mit israelischen Bildungseinrichtungen oder Individuen ihre eigene Verantwortung für Gleichheit und Nichtdiskriminierung zu bedenken und zu berücksichtigen, dass ein Boykott derer, die sich nicht öffentlich von derlei Politik distanzieren, angemessen ist.“ Zusätzlich und zur Abwechslung, aber stets im Sinne der nämlichen „Verantwortung für Gleichheit und Nichtsdiskriminierung“ wird auch schon mal ein Referent wieder ausgeladen, wenn er den Friedenswillen der Religion of Peace in Zweifel zieht. Dies alles hat mit Appeasement oder einer Kapitulation übrigens nichts zu tun: Es ist die offene Kollaboration mit den Feinden Israels zum Zwecke der Zerstörung des jüdischen Staates.
Übersetzungen: Lizas Welt – Hattip: Sebastian